Das Coronavirus kennt keine Grenzen und macht auch keinen Bogen um die Finanzwelt. Es droht die Bilanzen vieler Unternehmen in der Finanzindustrie mit pandemischer Urgewalt zu infizieren. Der Schock ist so heftig wie zu Zeiten der großen Depression, warnt die EU-Kommission und prophezeit einen Rückgang des europäischen Sozialproduktes um fast acht Prozent. Hart hat es bereits die französische BNP Paribas getroffen, die nahezu die Hälfte ihres Börsenwertes verlor. Und trotz ordentlicher Zahlen im ersten Quartal senken die Analysten in ihrem Ausblick bereits ihre Daumen über der Deutschen Bank. Die Commerzbank schreibt erstmals seit 2014 wieder Verluste. Im ersten Quartal 2020 betrug der Fehlbetrag 295 Millionen Euro – eine Folge der Risikovorsorge für faule Kredite, die sich mit 326 Millionen Euro wegen Corona zum Vorquartal vervierfacht hat. Das gesamte Ausmaß der Belastungen von Banken, Versicherungen oder Finanzdienstleistern wird sich erst in den nächsten Quartalen zeigen.

Das Virus bremst die Wirtschaft aus und trifft damit die Geldhäuser, die sich, zumindest in Europa, nach der Finanzkrise gerade erst wieder stabilisiert hatten. Es sind vor allem die drohenden Kreditausfällen und die miese Konsumlaune, die für die Banken so gefährlich sind. Je länger sich die Corona bedingten Einschränkungen in den großen Industrienationen hinziehen, desto mehr Unternehmen straucheln  und desto größer wird die Unsicherheit und auch die Arbeitslosigkeit. Da helfen auch die Milliardenhilfen der EZB wenig. Die Wirtschaft gerät aus ihrem Gleichgewicht und selbst einst solide Unternehmen stehen vor dem Aus.

Die Herausforderungen der etablierten Banken

Kein Wunder, dass die Banken vorsorglich die Risikovorsorge hochschrauben. Dennoch können einige Institute selber zu einem Systemrisiko werden. Indes: Das Bundesfinanzministerium hat bereits Kreditgarantien von bis zu 460 Milliarden Euro zugesichert. Zudem haben sich auf europäischer Ebene im Zuge von Finanz- und Eurokrise wirkungsvolle Mechanismen gebildet, um kurzfristige Schocks über die Zentralbankbilanz und über die Staatsfinanzen zu absorbieren. Einige Banken mögen nicht vorbereitet oder mit den Auswirkungen der Krise überfordert sein – das europäische Banken- und Finanzsystem in Summe ist es nicht.

Doch es ist nicht nur das Virus, welches den Banken momentan so zusetzt, sondern zusätzlich zwei ständige Herausforderungen:

Die Geschäftsmodelle der Banken

Die Geschäftsmodelle vieler Banken stehen schon seit Jahren unter Druck. Die Geldpolitik der EZB erschwert das Kerngeschäft der Geschäftsbanken. Ein negativer Einlagezins reduziert die Gewinne der Banken und es ist für sie schwer, diese Kostenbelastung auf die Kunden abzuwälzen. In einer Welt von Minuszinsen können die Banken nicht an einer Zinsmarge verdienen – ein Geschäft, das vielen Geschäftsbanken in früheren Tagen einen Großteil der Erträge sicherte. Die Banken sind daher gezwungen, ihr Risikomanagement zu verbessern, die eigene Compliance zu verschärfen, um hohe Strafzahlungen wie in der Vergangenheit künftig zu vermeiden, das Filialnetz zu beschneiden, Personal abzubauen und die Eigenkapitalquote zu erhöhen. Open Banking dürfte ihnen neue Ertragsströme sichern, indem sie Schnittstellen zu kundenzentrierten und datenbasierten Services der FinTechs schaffen und ihren Kunden so ein positives Finanz-Erlebnis ermöglichen.

Organisation-Transformation im digitalen Zeitalter

Die digitale Transformation der etablierten Bankenwelt ist mühsam. So belasten die Banken noch immer die hohen Kosten ihrer Filialen und der veralteten technischen Prozesse. Insbesondere die strengen Regularien behindern den Aufbruch in die digitale Finanzwelt. Die etablierten Institute werden durch diesen organisatorischen Ballast, der sich über Jahrzehnte angehäuft hat, ausgebremst. Zudem herrscht in den meisten Instituten immer noch eine Produkt- und keine kundenzentrierte Kultur. Die Großbanken müssen ihre Organisation transformieren, schneller und einfacher entscheiden, Hierarchien abbauen, datenbasierte Kunden-Touchpoints in Echtzeit und so echten Mehrwert für die Klientel schaffen.

Empfohlene Vorgehensweise für Finanzdienstleister

Daraus ergeben sich vier konkrete Handlungsempfehlungen für etablierte Finanzdienstleister:

  1. Treiben Sie die Transformation des Marketings voran mit dem Thema Digital als Kern. Ein zufriedenstellendes Kundenerlebnis entsteht nur dann, wenn jeder Kontaktpunkt mit dem Kunden akribisch optimiert wird. Die Analyse und strategische Nutzung von Kundendaten ermöglichen personalisierte Echtzeit-Angebote.
  2. Heben Sie die Markenkommunikation auf ein neues Niveau. „Hygienefaktoren“ wie Produkte und Services bringen schon lange keine entscheidenden Wettbewerbsvorteile mehr – die Marke sollte vielmehr stark emotional aufgeladen werden und der Kunde dabei immer im Vordergrund stehen. Suchen Sie nach neuartigen Produkten und Services – nutzen Sie das sich verändernde Marktumfeld gezielt, um die eigene Relevanz immer wieder zu steigern.
  3. Ermöglichen Sie den Mitarbeitern mehr Autonomie und Einflussnahme. Homeoffice, digitale Kollaboration, vereinfachte Entscheidungsprozesse sind Teil der neuen Realität. Hören Sie speziell denen zu, die täglich mit den Kunden zu tun haben.
  4. Machen Sie sich die Technologie zu eigen. Die Krise ist eine Chance, neue Technologien und Verhaltensweisen bei Kunden, Partnern und Angestellten zu etablieren.

Doch auch an den lange hochgelobten FinTechs geht die Corona-Krise nicht spurlos vorüber. Zwar sorgt die Pandemie dafür, dass immer mehr Menschen aus Selbstschutz Bankfilialen meiden, wenn diese überhaupt geöffnet sind. Doch nicht jedes Geschäftsmodell der jungen Angreifer wird funktionieren, da die Konsumbereitschaft der Menschen Minusrekorde aufweist und sich wohl so schnell nicht verbessern wird. Auch die Investoren und VCs sind in der Krise mit Investments zögerlicher. Neue Finanzierungsrunden werden schwieriger und die hohen Bewertungen der Startups geraten unter Druck. Immerhin hat es N26 geschafft, bei prominenten Investoren wie die Allianz, Peter Thiel und dem Singapurer Staatsfonds Tencent 100 Millionen US-Dollar einzusammeln – bei einer Bewertung von weiterhin 3,5 Milliarden Dollar, was etwa der Hälfte der Deutschen Bank entspricht.

FinTechs wie PayPal oder TransferWise hingegen, die grenzüberschreitende Zahlungssysteme anbieten, spüren bereits Ergebnisdruck, weil etwa die Einnahmen aus der Reise- und Veranstaltungsbranche fehlen. Schwer wird es aktuell auch für Unternehmen wie Zoppa oder Auxmoney die online ungesicherten Kredite offerieren. Sie könnten unter dem Zahlungsausfall vieler Kunden leiden. Technologieanbieter (Blockchain, Digital Identity, Security) hingegen werden von der Instabilität der Krise eher profitieren, ihre Services, die Risiken erkennen und mildern, werden auch in der nach Corona-Welt gefragter denn je sein.

Empfohlene Vorgehensweise für FinTechs

Für die FintTchs ergeben sich aus in der momentanen Situation folgende Handlungsempfehlungen:

  1. Folgen Sie vermehrt wieder den Gesetzen der Ökonomie. Umsatz, EBIT, Earnings, EPS sind spätestens zur Krisenbewältigung wieder zu den relevanten KPIs geworden. “The winner takes it all“ ,das fremdfinanzierte Wachstum und das schnelle gewinnen von Marktanteile bleibt wichtig, aber nicht mehr in der eindimensionalen Konsequenz.
  2. Kommen Sie aus der Nische. Einige FinTechs waren sehr erfolgreich in bestimmten Kundensegmenten tätig, die in der Krise massiv unter Druck geraten. Die Kartenterminalanbieter SumUp oder iZettle etwa leiden unter dem einbrechenden Geschäft in der Gastronomie und im Retail Bereich. Sie stehen nun unter Druck Ihrer Zielgruppe als Partner zur Seite zu stehen und sollten so schnell wie möglich ihr Angebotsportfolio erweitern, und ihrer Zielgruppe (Kleinunternehmer) Kredite oder Gratisterminals anbieten – ähnlich wie die Brauereien, die ihren Kunden nicht nur Bier, sondern auch Tresen oder Mobiliar liefern. Das schwedische Fintech Klarna hat nun schnell reagiert und bietet nun einen „kontaktlosen Rechnungskauf“ in allen H&M Filialen an. H & M-Kunden überweisen per App und können dank Rechnungskauf innerhalb von 30 Tagen zahlen.

Schlussgedanken

Plötzlich ist alles anders. Einen so schnellen und so unvorhersehbaren Paradigmenwechsel hat die Weltwirtschaft bisher noch nie erlebt. Aber wie sagte schon Albert Einstein: „In the midst of every crisis, lies great opportunity”. Die dringend notwendigen Investitionen in Technologie, der Focus auf den Kunden und der damit einhergehende unerlässliche Kulturwandel in Unternehmen, bleibt nun keine als ‚Purpose‘ nach außen verkaufte reine Erklärung mehr, sondern die Unternehmen müssen jetzt  mit Agilität die digitale Transformation vorantreiben und einen großen Schritt in die digitale Zukunft gehen. Zumindest in diesem Fall hat der Virus etwas erfolgreich und unwiderruflich angestoßen.

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