Belohnung von Krankenkassen für gesunden Lebensstil?

Berlin, 02. August 2016 – Gesundheitstarife sind gesellschaftlich zwar noch heftig umstritten, doch immer mehr Menschen finden es richtig, wenn eine gesunde Lebensweise finanziell anerkannt wird. So meinen 76 Prozent der Bundesbürger, dass die Krankenkasse sie mit einem reduzierten Tarif oder Bonus belohnen sollte, wenn sie gesund leben und sich fit halten. Und insgesamt immerhin 37 Prozent der Befragten sind bereit, ihrer Kasse per Armband oder Fitness-App Zugang zu relevanten Gesundheitsdaten zu geben – bei den unter 34jährigen ist es sogar die Hälfte, im Segment 55+ immerhin noch ein Viertel. Das sind zentrale Ergebnisse einer Online-Umfrage der weltweit tätigen Markenberatung Prophet zum Thema „Individuelle Gesundheitstarife: Sollten Krankenkassen eine gesunde Lebensweise finanziell belohnen?“, zu der im Juli dieses Jahres 1.000 Erwachsene in Deutschland repräsentativ befragt wurden.

Entscheidend für die Bereitschaft zur Herausgabe von Daten ist allerdings, dass die Krankenkassen verantwortungsvoll mit den persönlichen Gesundheitsdaten umgehen. Denn deutliche 63 Prozent der Bundesbürger haben große Bedenken, dass sie durch die Weitergabe Nachteile erleiden könnten oder die Daten in falsche Hände gerieten. Dreiviertel der Befragten plädieren daher dafür, dass nicht eine App, sondern ihr Hausarzt gegenüber der Krankenkasse eine gesunde Lebensweise bestätigen sollte. Auf der anderen Seite wollen 62 Prozent der Bundesbürger mit ihren Beiträgen nicht länger die ungesunde Lebensweise von Rauchern oder Fettleibigen unterstützen und meinen, wer sich nicht um seine Gesundheit kümmere, der solle auch mehr zahlen.

„Unsere Umfrage belegt den gesellschaftlichen Trend zum gesunden Leben und zu einer ausgewogenen Ernährung. Weil die Menschen mit einem bewussten Lebensstil weniger Gesundheitskosten verursachen, erhoffen sie sich von der Krankenkasse eine finanzielle Belohnung“, bewertet Prophet-Partner Felix Stöckle die Ergebnisse der Umfrage. Was genau eine gesunde Lebensweise sei und wie diese gemessen werde, sei allerdings noch unklar, meint Stöckle: „Für die Definition anerkannter Richtwerte und was genau eine gesunde Lebensweise ausmacht, wird ein gesellschaftlicher Konsens notwendig sein. Ein schwieriges Thema.“

Der Trend zu individuellen Gesundheitstarifen geht allerdings mit einer gewissen Form der ‚Entsolidarisierung’ innerhalb der Gesellschaft einher, beobachtet der Berater: „Etliche Versicherte sehen offenbar nicht ein, dass sie mit ihren Beiträgen das ungesunde Verhalten von anderen unterstützen und fordern vielmehr die Honorierung ihrer eigenen Bemühungen.“ Damit stellen sich auch ethisch-moralische Fragen. Die Gesellschaft müsse entscheiden, ob ungesund Lebende per Malus abgestraft werden sollten. „Eine Malus-Regelung macht nur dann Sinn, wenn man sich insgesamt eine Verbesserung für das Gesundheitssystem verspricht und sich diese nur auf Verhaltensweisen beschränkt, die durch den Einzelnen auch tatsächlich beeinflussbar sind. Ein wahrscheinlich kaum zu lösendes Abgrenzungsproblem mit reichlich gesellschaftlichem Zündstoff“, meint Stöckle.

Unter folgendem Link finden Sie ein exklusives Interview mit Felix Stöckle sowie die Umfrageergebnisse aus Deutschland zum Thema „Individuelle Gesundheitstarife: Sollten Krankenkassen eine gesunde Lebensweise finanziell belohnen?“

Viele Versicherte wollen eine ungesunde Lebensweise von anderen nicht subventionieren

Frage: Herr Stöckle, in einer aktuellen Umfrage von Prophet wünschen sich immerhin 62 Prozent der Befragten, die Krankenkasse möge ihre gesunde Lebensweise finanziell honorieren. Zudem wollen sie das ungesunde Verhalten anderer nicht mehr uneingeschränkt unterstützen. Wie bewerten Sie dieses Ergebnis?

Felix Stöckle: Die Umfrageergebnisse lassen sich in Teilen mit dem gesellschaftlichen Trend zu gesunderer Ernährung, mehr Sport und einem insgesamt ausgewogeneren Leben erklären. Immer mehr Menschen legen Wert auf Gesundheit und Fitness, und ändern ihren Lebensstil entsprechend. Ihnen ist bewusst, dass Sie so weniger Gesundheitskosten verursachen, und sie erhoffen sich entsprechend von der Krankenkasse eine finanzielle Belohnung. Andererseits zeigt unsere Studie auch einen Trend zur Entsolidarisierung innerhalb der Gesellschaft, in diesem Fall der Gemeinschaft der Krankenversicherten. Etliche Versicherte sehen offenbar nicht mehr ein, dass sie mit ihren Beiträgen das ungesunde Verhalten von anderen subventionieren. Vielmehr fordern sie die Honorierung ihrer eigenen Bemühungen. Während man dabei selber im Morgengrauen eine Runde läuft und sich danach ein Bio-Müsli gönnt, sieht man vor dem inneren Auge andere mit Chips und Bier vor dem Fernseher sitzen. So steigt die Erwartung, dass andere dem eigenen Vorbild folgen. Die Haltung dahinter: Wer keine schweren Krankheiten oder genetische Prädispositionen hat, kann sehr wohl eine Menge für seine Gesundheit tun und damit das Gesundheitssystem entlasten. Würde man diese Menschen fragen, würden sie wahrscheinlich sagen, dass das Verhalten derjenigen, die sich nicht um ihre Ernährung und Gesundheit kümmern unsozial ist, weil man der Gesellschaft unnötige Kosten aufbürdet. Die Frage, wer sich nicht solidarisch verhält, ist also bereits sehr komplex und vom eigenen Standpunkt abhängig.

Frage: Wie wird eine gesunde Lebensweise festgestellt? Immerhin 37 Prozent der Befragten, können sich vorstellen, ihrer Krankenkasse per Smart-Armband oder Fitness-App Daten zu ihrer Gesundheit zu übermitteln, bei den unter 34jährigen ist es sogar jeder zweite. Ist die Angst vor dem Missbrauch sensibler Daten kein Thema mehr?

Felix Stöckle: Das ist in der Tat ein überraschendes Ergebnis. Eigentlich gelten die Deutschen ja als sehr sensitiv in Sachen Datenschutz. Offenbar findet hier langsam ein Umdenken statt. Besonders bei jungen Menschen, den sogenannten Millennials. Hier hätten mehr als die Hälfte kein Problem, ihre Daten zur Verfügung zu stellen. Noch überraschender finde ich allerdings, dass sogar fast ein Viertel der über 55jährigen offen dafür sind. Es gibt bei vielen Bundesbürgern wohl eine sinkende Sensibilität gegenüber der Herausgabe und Verwendung ihrer Daten. Vielleicht auch, weil sie zunehmend verstehen, dass ihr Verhalten durch die Nutzung von z.B. Smartphones sowieso immer transparenter wird. Außerdem würden sie in diesem Fall – im Vergleich zu vielen anderen Produkten und Services – ja endlich einmal tatsächlich davon profitieren, ihre Daten zur Verfügung zu stellen.

Frage: Bleibt die Frage, was genau eine ‚gesunde Lebensweise’ ist und wer den Maßstab setzt?

Felix Stöckle: Es wird wohl ein gesellschaftlicher Konsens zu diesem Thema gefunden werden müssen. Bei jedem Bluttest werden als Vergleich Normparameter ausgewiesen und Abweichungen identifiziert. Bewegung, Blutdruck und sportliches Verhalten lassen sich darüber hinaus von einem Smartphone überwachen. Am Ende braucht es aber wohl eine gemeinschaftliche Anstrengung aller Beteiligten im Gesundheitssektor – Ärzten, Krankenkassen, Wissenschaftlern, Gesundheitspolitikern und Patientenvertretern – um zu definieren, was genau die Faktoren, Parameter und Grenzwerte einer gesunden Lebensweise sind.

Frage: Gerade ältere Menschen haben ein ungutes Gefühl, ihre Daten Fremden zur Verfügung zu stellen. Dreiviertel der Befragten meinen daher, dass ein Arzt die gesunde Lebensweise bestätigen sollte. Wäre das auch eine Möglichkeit?

Felix Stöckle: Ja, das war eine Idee, die wir im Vorfeld entwickelt und im Rahmen der Umfrage getestet haben. Statt der Krankenkasse die eigenen Gesundheitsdaten direkt zur Verfügung zu stellen, wird der Arzt – als neutrale Vertrauensperson, die auch noch der Schweigepflicht unterliegt – zwischengeschaltet. Auf Basis eines anerkannten Indizes würde dieser die Information an die Krankenkasse übernehmen. Die Einzeldaten bleiben dabei beim Arzt, aber die Versicherung erhält dennoch valide Informationen, mit denen sie arbeiten und Tarife entsprechend differenzieren kann. Diese Idee hat in unserer Umfrage mit 76 Prozent eine große Zustimmung erhalten. Frage bleibt allerdings, wie man das Ganze kostengünstig umsetzen könnte und gegen Missbrauch schützt. Vielleicht ließe sich auch eine digitale Lösung realisieren, die allerdings eine andere, vertrauenswürdige und neutrale Zwischeninstanz notwendig machen würde.

Frage: Sollte es auch einen Malus für ungesundes Leben geben?

Felix Stöckle: Bei den ersten Gesundheitstarifen, die Versicherungen gerade entwickeln, gibt es nur einen Bonus für Menschen, die auf den Erhalt ihrer Gesundheit großen Wert legen und entsprechend leben. Alle anderen zahlen den Normaltarif. Würde dieser Ansatz flächendeckend umgesetzt, würde der Normaltarif über Zeit automatisch zu einem Malus-Tarif. Es ist also eine gesellschaftlich relevante Frage, ob wir diese Auflösung des Solidartarifs tatsächlich wollen. Wir müssen entsprechend als Gesellschaft einen Konsens finden, ob ungesund Lebende per Malus abgestraft werden sollen. Eine solche Regelung müsste dabei insgesamt zu einem Vorteil für alle führen – also z.B. zu einer Senkung der Kosten des Gesundheitssystems aufgrund von einer größeren Anzahl von Menschen, die sich gesundheitlich verantwortungsvoller verhalten – und dürfte sich nur auf solches Verhalten beziehen, dass der Einzelne selber beeinflussen kann.

Frage: Die jungen Gesunden erhalten einen Bonus. Ältere Menschen hingegen, die nach einem Leben harter Arbeit gesundheitliche Probleme haben, werden mit einem Malus abgestraft. Ist das denkbar?

Felix Stöckle: Genau das dürfte eben nicht passieren und ist Teil der Herausforderung, die am Ende wahrscheinlich nicht zu lösen ist: Wo zieht man die Grenze. Eine Gesellschaft sollte davon ausgehen dürfen, dass ihr niemand schadet. Im Umkehrschluss wird das geltende Solidarprinzip ja auch durch Menschen angegriffen, die sich in ihrer Lebensweise unsolidarisch verhalten und damit der Gemeinschaft schaden bzw. dem System unnötige Kosten aufbürden. Daher wäre es überhaupt nur legitim, diejenigen mit einem Malus zu bestrafen, die zu faul und uninteressiert sind, sich über die eigene Ernährung und den Lebensstil Gedanken zu machen und sich entsprechend verhalten. Eine kaum zu lösende Abgrenzungs- und Beweisproblematik.

Frage: Sollten Krankenkassen tatsächlich echte Gesundheitstarife anbieten oder machen diese sich damit noch unbeliebter?

Felix Stöckle: Ein Alleingang ist einerseits wenig sinnvoll und andererseits sicherlich ein großes Risiko. Aber ein zentraler Erfolgsfaktor für jegliche Innovation in diesem Bereich wäre sicherlich, sich als Krankenkasse total transparent zu verhalten und so Vertrauen dafür zu schaffen, dass man als Anbieter maximal verantwortungsbewusst mit den Daten der Kunden umgeht. Dazu ist klarzustellen, welche Daten erhoben werden, wie diese verarbeitet werden,

wie ein Missbrauch verhindert wird, etc. In unserer Umfrage ist es immerhin für 63 Prozent der Befragten weiterhin eine Horrorvorstellung, ihrer Versicherung Gesundheitsdaten liefern zu müssen. Der Gesetzgeber und die Versicherer haben also eine hohe Verantwortung für den Umgang mit diesen Daten. Bis Gesundheitstarife flächendeckend eingesetzt werden, wird es daher wohl noch Jahre dauern. Doch ich bin mir sicher, dass uns dieses Thema und die Nutzung digitaler Technologien zu seiner schrittweisen Realisierung weiter begleiten werden. Die smarte Nutzung von Daten für eine effizientere Steuerung des Risikomanagements und damit auch die zunehmende Individualisierung der Tarife steht in allen Versicherungskonzernen ganz oben auf der Agenda.

Individuelle Gesundheitstarife: Sollten Krankenkassen eine gesunde Lebensweise finanziell belohnen?

Gesundheitstarife sind richtig. Ich will mit meinen Beiträgen nicht die ungesunde Lebensweise von z.B. Rauchern oder Fettleibigen unterstützen. Wer sich nicht um seine Gesundheit kümmert, sollte auch mehr zahlen.

Die Krankenkassen sollten mich mit einem reduzierten Tarif oder Bonus dafür belohnen, wenn ich gesund lebe und mich fit halte. Dafür sollte eine einfache Bestätigung durch meinen Arzt ausreichen.

Ich bin bereit, meiner Krankenkasse per Armband oder Fitness-App Zugang zu relevanten Gesundheits-Daten zu geben, wenn sie verantwortungsvoll mit diesen Daten umgeht und ich dafür weniger zahle.

Für mich wäre es eine Horror-Vision, wenn ich Gesundheitsdaten an meine Versicherung liefern müsste. Ich habe große Bedenken, dass ich dadurch Nachteile erleide oder die Daten in falsche Hände geraten.

Über Prophet

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