FinTechs können Unvermögen der etablierten Banken nicht nutzen

Zürich, 22. März 2018 – Wenig kreativ, bürokratisch, kaum an den Bedürfnissen der Kunden orientiert – jeder zweite junge Schweizer empfindet die traditionellen Banken des Landes als wenig innovativ und moniert, dass einfache kundenfreundliche technische Lösungen eher von Startups als von etablierten Instituten kommen. Dabei wollen 61 Prozent der Befragten ihre finanziellen Belange einfach und transparent auf dem Handy erledigen und wünschern sich dafür entsprechende personalisierte, mobile Anwendungen. Das sind zentrale Ergebnisse einer Online-Umfrage der weltweit tätigen Markenberatung Prophet zum Thema „Altersvorsorge und Vermögensaufbau“ zu der im Februar dieses Jahres 200 junge Schweizer im Alter von 18 bis 34 Jahren in der Schweiz befragt wurden.

Technologien dominieren immer mehr die Branche. Auf einen persönlichen Finanzberater würden 51 Prozent der jungen Schweizer verzichten. Sie können sich sogar vorstellen, das eigene Vermögensmanagement einem kostengünstigen und auf Algorithmen basierenden „Robo-Advisor“ anzuvertrauen. Bei der Altersvorsorge fühlen sich die meisten Befragten auf der sicheren Seite: Immerhin 52 Prozent vertrauen der staatlichen und beruflichen Altersvorsorge und 67 Prozent meinen, die eigenen finanziellen Belange so zu organisieren, dass sie im Alter sorgenfrei leben können.

„Die etablierten Schweizer Banken haben in der Finanzkrise und mit der Rettung durch den Steuerzahler gerade bei jungen Menschen erheblich an Ansehen und Vertrauen verloren“, analysiert Benjamin Gilgen,  Partner bei Prophet in Zürich, die Ergebnisse der Umfrage, „die neuen Wettbewerber können allerdings das Unvermögen der etablierten Banken noch nicht nutzen“. Viele FinTechs hätten wegen des Hypes und des Aufruhrs um sie ebenfalls ein Imageproblem, was ihren Produkten und Services nicht gut tue. „Die meisten Schweizer vertrauen daher trotz aller Vorbehalte ihr Geld eher einer traditionellen Bank an als einem coolen, anonymen FinTech-Startup “, meint Gilgen.

Die Banken hätten aber Probleme, gute und kundenfreundliche technische Lösungen rasch zu entwickeln, beobachtet der Schweizer Markenexperte: „Wenn Banker etwa inhouse eine App bauen, dann bilden sie häufig die alten Strukturen in der digitalen Anwendung ab, was schiefgehen muss.“ Die Kunden-Interaktion muss oft völlig neu gedacht, innovativer und mutiger werden. „Sonst werden sie junge Menschen nicht gewinnen können und zunehmend an Relevanz und Daseinsberechtigung verlieren,“ befürchtet Gilgen. 

Hier gelangen Sie zu den Ergebnissen der Umfrage sowie zu einem Interview mit Benjamin Gilgen (Prophet Zürich) und Wolfgang Jacob (Prophet Berlin) und zum Thema Vermögensmanagement.

„Irgendwie egal? – Modernes Banking braucht Empathie und mehr Mut zur Innovation“

Frage: Herr Jacob, eine Prophet-Umfrage unter 1.000 Deutschen zeigt, dass neun von zehn jungen Menschen (18 bis 34 Jahre) der staatlichen Altersvorsorge misstrauen. Aber nur jeder Zweite hat eine Vorstellung davon wie er privat vorsorgen sollte. Erstaunt Sie diese Wissenslücke?

Wolfgang Jacob: Die jungen Deutschen haben zurecht erkannt, das sie sich nicht allein auf die staatliche Vorsorge im Alter verlassen sollten, wollen sie nicht in Altersarmut geraten. Nur gut die Hälfte der Teilnehmer unserer Umfrage hat aber eine Vorstellung davon, wie sie die Vorsorgelücke schließen will. Und hier kommt, das finde ich überraschend, der persönliche Bankberater wieder um die Ecke gebogen. Denn jeder zweite junge Deutsche möchte strategische Finanzentscheidungen wie die Altersvorsorge oder den Immobilienkauf lieber mit einem Experten persönlich besprechen. Fähige und motivierte Mitarbeiter bleiben also ein wichtiges Gut und bleiben auch im modernen Bankgeschäft wichtig. Das ist die gute Nachricht für die traditionellen Banken. Die schlechte lautet: Jeder zweite jungen Deutsche hat keine Bedenken, seine Altersvorsorgestrategie per Handy zu steuern und sein Vermögensmanagement einem kostengünstigen, auf Algorithmen basierenden Anlagemodell anzuvertrauen. Die Lösung für die traditionellen Banken ist also ein hybrides Modell aus Mensch und Technik.

Frage: Herr Gilgen, die jungen Schweizer stehen auf den ersten Blick besser da als die Deutschen. Denn immerhin traut jeder zweite junge Schweizer seiner staatlichen und beruflichen Altersvorsorge (52 Prozent). Und stattliche 67 Prozent der jungen Eidgenossen haben eine klare Vorstellung davon wie sie ein Vermögen aufbauen sollten, um im Alter sorgenfrei zu sein. Leben die Schweizer im Vergleich zu den Deutschen also in einer besseren Finanzwelt?

Benjamin Gilgen: Das Vertrauen junger Schweizer in unser staatliches und berufliches Vorsorgesystem habe ich so erwartet. Vor allem das berufliche Vorsorgesystem ist bei uns gesund und gut organisiert. Doch ob unsere Schweizer Banken im Heimatmarkt insgesamt besser aufgestellt sind als die deutschen, möchte ich stark bezweifeln. Die traditionellen Schweizer Banken haben im Zuge der Finanzkrise und der letztlichen Rettung durch den Steuerzahler auch bei jungen Menschen erheblich an Ansehen und Vertrauen verloren. Der Bank-Apparat in der Schweiz ist schwerfällig und verkrustet. Aber neue Wettbewerber können das Unvermögen der etablierten Banken offenbar noch nicht nutzen. Viele FinTechs haben ein Imageproblem, zumindest bei uns in der Schweiz. Um die Startups im Finanzbereich wird sehr viel Hype und Aufruhr gemacht. Beim Geld hört der Spaß aber auf.  Die meisten Schweizer vertrauen immer noch – wenn auch mit erheblichen Magenknurren – ihrer traditionellen Bank mehr als einem coolen, anonymen FinTech-Startup. Das ist meine wichtigste Erkenntnis aus der Umfrage.

Frage: Was sollten die Banken nun tun? Wie könnte ein sogenanntes Next Generation Wealth Management aussehen?

Wolfgang Jacob: Traditionelle Banken müssen überlegen wie sie einerseits die neuen technischen Möglichkeiten konsequenter nutzen, um die Kundenbeziehungen interessant zu gestalten und andererseits weiterhin in professionelle Beratung investieren. Die digitalen Werkzeuge sind vorhanden. Die Etablierten müssen im Grunde nicht zwangsläufig ein FinTech kaufen, um digitale Lösungen anzubieten. Sie sollten selber in der Lage sein, wertstiftende und ansprechende Anwendungen  zu entwickeln. Technologien wie Chatbots, vorausschauendes Lernen, In-App-Unterstützung usw. bieten Banken die Chance, sich besser mit ihren Kunden zu verknüpfen. Diese Chancen werden jedoch von Bankinstituten nur unzureichend genutzt oder man fokussiert auf überflüssige Themen – die präsentierten Lösungen fühlen sich dann meist unpersönlich und „irgendwie egal“ an.

Benjamin Gilgen: Die digitalen Lösungen von Unternehmen wie Uber, Amazon oder Spotify zeigen der Finanzindustrie, was bei jungen Kunden ankommt und wie eine gute Customer Experience funktionieren sollte. Sie stellen den Verbraucher radikal in den Mittelpunkt ihres Handelns. Die meisten Banken haben aber Probleme, derart gute und kundenfreundliche technische Lösungen zu schaffen. Sie sind zu sehr in ihrer alten Welt, ihrem überholtem Denken und den verkrusteten Strukturen verfangen.  Wenn Banker etwa eine App oder einen Prozess bauen, dann bilden sie meist  die alten Strukturen in der digitalen Anwendung ab. Das muss schief gehen und verschenkt enormes Potenzial. Sie sollten die Kunden-Interaktion völlig neu denken und nicht einfach nur die vorhandene Organisation von der Maschine auf das Mobiltelefon bringen. Die Banken in der Schweiz und in Deutschland sollten viel innovativer und mutiger werden, sich mehr trauen. Sonst werden sie junge Menschen nicht halten und für sich einnehmen können und allmählich überflüssig werden.

Frage: Wie könnte hybrides Banking aussehen?

Wolfgang Jacob: Das hybride Modell ist eine Mischung aus persönlichem Rat und automatischer Anlage. Bei einer fundamentalen Weichenstellung wie dem Konzept für die Altersvorsorge oder dem Kauf von Immobilien fühlen sich die meisten Kunden mit dem persönlichem Beratungsgespräch sicherer aufgehoben – ein Mensch kann mir eben strategische Entscheidungen besser erklären. Der Robo-Advisor wiederum optimiert mein Portfolio laufend und schaut, dass ich auf dem richtigen Weg bleibe. Monatliche Portfolio-Besprechungen brauche ich nicht mehr. Welche Papiere ich kaufe oder verkaufe kann der Robo-Advisor besser entscheiden und umsetzen als mein Berater. Die persönliche Interaktion mit dem Berater nimmt in der Summe also stark ab und muss auch in ganz neuen Formaten gedacht werden, aber Empathie wird wichtig bleiben. Standardvorgänge müssen dagegen komplett auf digitale Kanäle migriert und vereinfacht werden, weil Kunden das erwarten.

Benjamin Gilgen: Genau, für die strategische Komponente brauche ich noch menschlichen Rat. Die restlichen Geschäfte will ich auf meinem Handy erledigen.  So fordern es bereits 56 Prozent der jungen Deutschen und 61 Prozent der Schweizer in unserer Umfrage. Für das Alltagsgeschäft brauche ich eben keine persönliche Interaktion mehr. Es ist viel zu anstrengend, Termine zu finden und ggfs. sogar vor Ort zu erscheinen. Ein, zwei Termine mit dem Bankberater im Jahr, das sollte reichen, für den Rest gibt es technische Lösungen. Allerdings ärgere ich mich immer wieder über das mühsame Login bei meinen Banken. Der Authentifizierung-Prozess ist immer noch schlecht gemacht. Unsere Banken stehen sie sich dabei oft selber im Wege.

Altersvorsorge und Vermögensaufbau – Next Generation Wealth Management

Ich gehe davon aus, dass ich mich auf die staatliche und die berufliche Altersvorsorge (AHV und Pensionskasse) verlassen kann, und mich nicht selber um die finanzielle Absicherung im Alter kümmern muss.

 

Ich habe eine klare Vorstellung davon, wie ich meine finanziellen Belange organisiere und mein Vermögen aufbaue, um im Alter sorgenfrei leben zu können.

 

Ich kann mir gut vorstellen, meine Altersvorsorgestrategie online zu erstellen und mein Vermögensmanagement einem kostengünstigen, auf Algorithmen basierenden Anlagemodell anzuvertrauen. Ich brauche dazu keinen persönlichen Finanzberater.

 

Ich möchte meine finanziellen Belange und die Altersvorsorge einfach und transparent über mein Handy organisieren können. Es ist mir wichtig, dass meine Bank hierfür gute technische Lösungen bereitstellt und mich kurz und knapp informiert, wenn zum Beispiel aktuelle Marktereignisse sich auf mein Vermögen auswirken.

 

Die traditionellen Banken sind nicht sehr kundenorientiert und innovativ. Die modernsten technischen und personalisierten Lösungen kommen meist von Finanz-Startups.

Prophet-Umfrage „Next Generation Wealth Management“ unter 200 jungen Schweizern.

 

Pressekontakt:

Johanna Pochhammer
Marketing Manager
Tel +41 44 218 78 10
Mail: jpochhammer@prophet.com

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